Leeres Gerede

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Das unten dargestellte Spiel ähnelt den Signalspielen. Exakter gesprochen entspricht seine Struktur der eines Signalspiels mit folgendem Unterschied: Der Sender, d.h. der Spieler mit privater Information, kann zwar einen Zug machen, in dem er versucht etwas mitzuteilen, dieser Zug hat aber keinen Einfluss auf seine Auszahlung oder die Auszahlung des Gegenspielers. Da die Auszahlung ohne direkte Folgen ist, spricht man von leerem Gerede (cheap talk).

Beispiel: Stellenbesetzung

Ein Unternehmen hat zwei Stellen zu besetzen. Die Stelle in der Reklamationsabteilung erfordert eine hohe Belastbarkeit unter Stress, ist aber auch besser entlohnt. Im Archiv dagegen geht es ruhig zu. Bewerber sind im Allgemeinen mit gleicher Wahrscheinlichkeit belastbar oder nicht belastbar und nur der Bewerber weiß, ob er belastbar ist oder nicht. Bekommt er die zu ihm passende Stelle, so erhält er eine Auszahlung von 1. Ist er stressanfällig und bekommt die Stelle in der Reklamationsabteilung, so erhält er zwar einen hohen Lohn, wird aber auch Krank. Im Archiv ist er als belastbarer Typ bei niedrigem Lohn unausgelastet. In einem Bewerbungsgespräch kann der Bewerber sagen, ob er belastbar ist oder nicht.


Bewerber sagt, er sei belastbar:

Unternehmen bietet Stelle
Reklamation Archiv
Bewerber ist… belastbar 1,2 0,0
anfällig 0,0 1,2



Bewerber sagt, er sei anfällig:

Unternehmen bietet Stelle
Reklamation Archiv
Bewerber ist… belastbar 1,2 0,0
anfällig 0,0 1,2


Die oben dargestellten Auszahlungsmatrizen zeigen, dass die Aussage über seine Belastbarkeit keinen Einfluss auf seine Auszahlung oder die des Unternehmens besitzt. Was der Bewerber also sagt- sei es "ich bin belastbar", sei es "ich bin anfällig", oder sei es "blabla" könnte demnach für die Lösung des Spiels irrelevant sein. Die Meinung, dass leeres Gerede keine Folgen besitzt ist jedoch falsch (FARELL/RABIN 1996).

Löst man das Spiel nach dem Konzept der perfekten Baysschen Gleichgewichte, so muss man die Strategie des Bewerbers, die Strategie des Unternehmens und die Vorstellungen des Unternehmens über den Typ je nach Gerede des Bewerbers festlegen. Für ein Gleichgewicht müssen die Strategien beste Antworten sein. Als Aktionen des Bewerbers kommen alle denkbaren Aussagen in Frage, wobei in diesem Fall auf die drei oben erwähnten Zitate beschränkt wird.

In diesem Spiel gibt es zwei Gleichgewichte. Im Trennungsgleichgewicht wird der belastbare Bewerber in der Reklamationsabteilung und der anfällige im Archiv eingestellt, der Unternehmer aus dem Gerede auf den Typ schließt. Im Blabla-Gleichgewicht (babbing equillibrium) besetzt der Unternehmer die Stellen zufällig, weil er aus dem Gerede nichts schließen kann oder will.


Ein Trennungsgleichgewicht ergibt sich folgendermaßen: Der Bewerber sagt wahrheitsgemäß, ob er anfällig oder belastbar ist. Der Unternehmer glaubt ihm und stellt den, der sagt, er sei belastbar, für die Reklamationsabteilung ein und den, der sagt, er sei anfällig, für das Archiv, und den, der "blabla" sagt, gleichwahrscheinlich in einer der Abteilungen. Diese Kombination von Strategien und Vorstellungen über den Typ bildet das Bayessche Gleichgewicht. Der Bewerber hat keinen Anreiz, seinen Typ zu verschleiern, da er dann eine geringere Auszahlung bekäme. Die Vorstellungen des Unternehmens gehorchen der Bayesschen Regel. Das Unternehmen könnte durch eine andere Strategie nur geringere Auszahlungen erhalten.


Das Blabla-Gleichgewicht ergibt sich folgendermaßen: Der Bewerber sagt immer "blabla". Der Unternehmer glaubt keinem Bewerber und geht davon aus, dass sie gleichwahrscheinlich belastbar bzw. anfällig sind. Egal, was der Bewerber sagt, der Unternehmer stellt ihn gleichwahrscheinlich in einer Abteilung ein. Der Bewerber hat keinen Anreiz, etwas anderes zu sagen, da ihm nicht geglaubt wird und es demnach keinen Einfluss auf seine Auszahlung besitzt. Die Vorstellungen des Unternehmens sind mir der Bayesschen Regel gebildet. Da es aus dem "Blabla" keine zusätzlichen Informationen erhält, geht es von der ursprünglichen Verteilung aus, in der der Bewerber gleichwahrscheinlich anfällig oder belastbar ist. Dann ist die zufällige Einstellung des Bewerbers in Reklamationsabteilung oder Archiv optimal.


In diesem Beispiel hat der Bewerber das Ziel, dass das Unternehmen erfährt, welcher Typ er ist. Genauer gesagt möchte der Bewerber erreichen, dass das Unternehmen glaubt, er sei anfällig, wenn er anfällig ist. Darüber hinaus soll das Unternehmen, wenn er nicht anfällig ist, auch glauben, dass er nicht anfällig ist. Deshalb sollte man auch erwarten, dass das Trennungsgleichgewicht eintritt. Bei einem Vorstellungsgespräch "blabla" zu sagen, weil man davon ausgeht, dass einem sowieso nicht geglaubt wird, obwohl man keinen Anreiz hat zu lügen, ist eher eine theoretische Möglichkeit als eine in der Realität zu erwartende Handlung. Es gilt bei Spielen mit leerem Gerede aber immer, dass Blabla-Gleichgewichte als perfekte Bayessche Gleichgewichte existieren.

Wenn der Empfänger dem leeren Gerede nicht glaubt, wird das Gerede zum „Blabla“. Anders ist es, falls der Bewerber die hochbezahlte Stelle in der Reklamationsabteilung vorzieht, auch wenn er anfällig ist (siehe folgende Auszahlungsmatrix). In diesem Fall kann leeres Gerede keine Informationen übermitteln. Der belastbare Bewerber ist nicht eindeutig zu erkennen, weil der anfällige behauptet, er sei belastbar. Der anfällige Bewerber wird sich nicht zu erkennen geben. Hier helfen nur kostenpflichtige Signale.


Stellensuche:

Unternehmen bietet Stelle
Reklamation Archiv
Bewerber ist… belastbar 1,2 0,0
anfällig 1,0 1/2,2


Die beiden bisher beschriebenen Spiele sind dadurch gekennzeichnet, dass es entweder vollständige oder keine Korrelation zwischen den Typen und den Vorstellungen des Unternehmens. Im ersten Fall kann leeres Gerede alle Informationen übermitteln, im zweiten Fall kann leeres Gerede keine Informationen übermitteln. Viele Spiele liegen jedoch dazwischen, weil es sowohl das Interesse gibt, den Typen wahrheitsgemäß zu übermitteln, aber auch das Interesse, ein bisschen zu schwindeln. In diesem Fall ist leeres Gerede nicht vollständig Blabla, sondern kann in perfekten Bayesschen Gleichgewichten eine Bedeutung besitzen. (CRAWFORD/SOBEL 1982).

Beispiel: Koordinationsspiel

Zum Schluss soll noch erwähnt werden, dass leeres Gerede über Intentionen, wie man in einem Spiel agieren wird, ein in der Realität sehr wichtiges Hilfsmittel ist, Koordinaten zu erreichen. Betrachten wir dazu das Koordinationsspiel in einem Team mit folgender Auszahlungsmatrix.


Koordinationsspiel:

hoher Einsatz niedriger Einsatz
hoher Einsatz 5,5 0,3
niedriger Einsatz 3,0 3,3


Bevor der eine Spieler agiert, sagt er, dass er sich im Folgenden stark einsetzen wird. Das ist leeres Gerede, denn die Auszahlungen sind davon unabhängig. Aber dem Gerede kann geglaubt werden. Wenn er sich im Folgenden wirklich stark einsetzt, hat er einen Vorteil, wenn der andere ihm glaubt, denn dann wird der Gegenspieler sich auch stark einsetzen. Wenn er sich im Folgenden nur niedrig einsetzt, hat er keinen Vorteil davon, wenn der andere glauben würde, dass er sich stark einsetzt, da die Auszahlung jeweils 3 ist. Wenn er schließlich davon ausgeht, den anderen überzeugt zu haben, dass er sich stark einsetzt, so ist es für ihn optimal, sich stark einzusetzen. In einem Team kann die Koordination durch leeres Gerede vor dem Spiel erreicht werden.

Quelle:

Gernot Sieg: Spieltheorie

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